Category: Coworking

Coworkation und Co-Creation: Coworking jenseits urbaner Räume #CWE16

In den letzten Wochen war das Thema Coworking für mich präsenter denn je – also neben der kontinuierlichen Beschäftigung damit in Form meiner Dissertation oder als Inhalt meiner Lehre sowie Etablierung eines Spaces an der Viadrina. Ende November 2016 war ich in Brüssel bei der europäischen Coworking-Konferenz und kurz danach im brandenburgischen Klein Glien bei einem spannenden Workshop für das neue Coconat. Die Kontraste hätten auf den ersten Blick nicht größer sein können. Doch bei beiden Treffen mit vielen aktiven Coworking-EnthusiastInnen nahm das Thema Coworking auf dem Land, bzw. jenseits der (Groß-)Städte einen zentralen Stellenwert ein.

Coworking Europe #CWE16

Schon vor Beginn der Konferenz trafen sich einige Beteiligte um sich über die wissenschaftliche Perspektive auf das Thema neuer Arbeitsformen auszutauschen. Geladen waren alle, die sich in verschiedensten Forschungsprojekten mit dem Thema Coworking beschäftigen. Was dabei raus gekommen ist, habe ich hier kurz zusammengefasst. Nach dem ersten Tag der Konferenz, der primär Keynote-lastig war, dafür aber viele kontroverse Diskussionen ausgelöst hat, startete am zweiten Tag das Barcamp.

coworking europe barcamp plan

Coworking auf dem Land?

In einer der ersten Sessions fragten sich Tim Nieländer gemeinsam mit Tamara und Ivan vom Mokrin House, wie Coworking und Coliving in ländlichen Gegenden funktionieren kann. Tim möchte einen Space mit kommunaler Förderung in Goslar öffnen und sammelt Argumente um die lokale Verwaltung davon zu überzeugen. Im Zuge der Session wurde schnell klar, dass Coworking nicht nur ein urbanes Phänomen ist.

Das Interesse der Teilnehmenden war groß und viele gut funktionierende Beispiele wurden gesammelt: Zentraler Bestandteil ist, wie bei allen Coworking Spaces, das Team. Sinnvoll ist es wenn zumindest ein Kernteam selbst in der Region lebt und Ansprechpersonen stets da sind.  Grundlegend wichtig ist auch die Anbindung an die lokale Bevölkerung sowie Unternehmen vor Ort. Der Aufbau einer community geschieht am besten vor oder wenigstens parallel zur heißen Phase der Eröffnung. In der Diskussion wurde klar herausgestellt, dass das Netzwerk um den Space zunächst lokal funktionieren muss, bevor man internationaler agiere könne. Dabei käme es immer auf die unterschiedlichen Zielgruppen an, die angesprochen werden sollen. Die Entfernung zur nächsten größeren Stadt und die Anbindung an das Nahverkehrsnetz sind ebenfalls wichtige Faktoren, die schon bei der Standortfrage eine zentrale Rolle spielen sollen – genauso wie die Kaffeeauswahl!

flipchart notizen zur session

Coconat: Ein Workation Retreat (er-)findet sich neu

Ein Beispiel, was obige Ideen bereits aktiv umsetzt, findet sich in der brandenburgischen Pampa. Coconat bespielte schon im letzten Jahr erfolgreich einen temporären Coworkation Space. Coworkation ist eine Verbindung aus Coworking und Vacation (Urlaub). Hintergrundinformation dazu lest ihr hier oder auf der Webseite des Projekts.

Anfang Dezember fand ein Workshop zum neuen Coconat im Gutshaus von Klein Glien  statt. Geladen waren verschiedene Stakeholder: Vor allem interessierte NachbarInnen, zukünftige Coworkationistas, MitgestalterInnen und UnterstützerInnen samt Kind und Kegel. Mit kulinarischen Stärkungen (und viel Tee und Kaffee) führte uns eine Moderatorin kompetent und mit viel Herzblut durch den Tag. Einen kurzen Bericht lest ihr hier. Schön war, das wirklich alle mit ihren Sorgen und Interessen gehört wurden und bei diversen Diskussionsrunden bis hin zum Prototyping geträumt und geplant werden konnte. Am folgenden Tag beschäftigte sich das GründerInnen-Team erneut mit all den Ideen.

Einer meiner Beweggründe nach Klein Glien zu fahren war die Suche nach einer Verbindung von Arbeit und Leben jenseits der Großstadt, bei der ich auch meine Tochter einbinden kann und Kinderinteressen konsequent mitgedacht werden. Die ultimative Entgrenzung sozusagen, mit der jede und jeder anders umgeht, bzw. sich reflexiv begrenzt. Im Austausch mit den Kids vor Ort wurde klar, dass sie den Gutshof als eine große Spiellandschaft mit ganz vielen Abenteuern sehen, die nur darauf warten von ihnen entdeckt zu werden. Von der Feengrotte (Eiskeller) bis zum  Zauberwald ist ja schon alles da! Spannend war auch, dass sich die Kinder keinen begrenzten Raum für die Kleinen gedacht haben (wie viele Erwachsene dies gerne tun). Vielmehr wollten sie überall mit einbezogen werden. Natürlich braucht es dafür altersgerechte Angebote. Ein erster Schritt ist aber getan und es wäre schön wenn große und kleine Kinder, vielleicht auch solche, die es immer bleiben von Anfang an mitgedacht werden und nicht nur als ein schönes Zusatzangebot gedacht werden.

Von Coworking zu Coworkation zu Coliving

Coworkation ist nicht erst seit dieser Coworking Europe-Konferenz ein Thema, war aber sehr präsent. Die Schnittstellen zu (temporären) Coliving Spaces sind groß. Hier sind einige Beispiele, die mir bislang begegnet sind. Neben festen Spaces gibt es auch verschiedenste Camps, in denen temporär zusammen nebeneinander gearbeitet wird – gerne mit Sonne, Strand und Palmen.

Was fehlt noch in dieser Liste?

rayaworx mallorca Dorisch Schuppe CC

Foto: CC Lizenz Doris Schuppe via flickr (DoSchu)

Stimmungsbild: DER Coworking Space oder DAS Coworking Space?

Um meine kurze Umfrage in der Coworking-Community und darüber hinaus noch mal etwas weiter zu streuen, hier nun meine Frage an euch:


Im Zuge meiner Dissertation, Seminarvorbereitungen an der Europa-Uni Viadrina (Future of Work, Baby!) oder im täglichen Social Media-Dunstkreis stolpere ich häufig über die unterschiedliche Artikelverwendung in Bezug auf Coworking Spaces. Natürlich wird niemand – wohl auch nicht die German Coworking Federation – demnächst festlegen, welchen Artikel ihr zu verwenden habt. Oft gehe ich aber den Zwischenweg und nutze einfach den Plural: Es werden ja sowieso immer mehr Spaces!

Ode an Floh

Heute ist es mal wieder passiert. Ich war im Flow. Der Flow ist ein einzigartiger Zustand bei dem alles fließt und am Ende einen Sinn ergibt – zumindest für diesen einen Moment. Im besten Fall auch noch später, aber im Zustand des Rauschs will man davon nix wissen. Überhaupt sind Zeit und Raum dann erst mal egal. Pullerpausen sind drin, Trinken auch (aber kein Alkohol!), alle anderen Ablenkungen müssen draußen bleiben. Der Flow ist ein schreckhaftes Wesen. Facebook, Telefone und Musik mag er oft nicht.

In meinem Fall heißt der Flow Schreibflow, liebevoll auch Schreibfloh genannt, weil man ihn schnell übersehen kann. Leider kommt er dieser Tage viel zu selten vorbei. Manchmal mache ich mir dann schon Sorgen, dass der Floh und ich uns auseinander gelebt haben – passiert ja oft genug mit Menschen. Wie aber in allen anderen Beziehungen müssen auch der Floh und ich an unserer arbeiten. Tief im Inneren denke ich, dass er eigentlich ganz gerne Routine mag und am liebsten einen festen Rhythmus haben möchte, so wie Kleinkinder. Aber das wird meiner Meinung nach auch viel zu oft überbewertet. Man schreibt sich selbst bis an die Schmerzgrenze Regeln vor – immer in der Hoffnung, dass alles ganz toll wird, wenn ich nur jede Regel akribisch befolge. Wie damals als man mir sagte, dass meine Katze mich vergöttern würde, wenn ich sie mindestens eine Stunde am Stück streicheln würde. Es war eine lange Stunde und dass ich sie als wirklich kleines Kind mal in den Pool geschmissen habe, hat sie mir nie so recht verziehen. Und so bleibt auch der Floh immer etwas unnahbar, ungreifbar, gar unerreichbar – wie der süße Typ damals auf dem Schulhof vier Klassen über mir. Man kann ihn jedoch etwas anfüttern mit täglichen Schreibaufgaben zum Beispiel – den Floh, nicht den Typen, der mittlerweile sicher eh nicht mehr so süß ist und ein Autohaus in Storkow hat, inklusive Reihenendhaus und Familie samt Katze. Die wird sicher auch viel gestreichelt. Allerdings haben sie auch einen Pool. Gibt Schlimmeres.

Dies ist ein kurzer Text einer Serie zum aktiven Schreiben meiner Dissertation. Warum es dabei genau geht, schreib ich bald mal auf. 

Konferenz-Saison: #Cowork2016 und #Arbeitenviernull

Ich war in den letzten Tagen Teil von zwei Konferenzen, die sich mit der Arbeit der Zukunft und der Zukunft der Arbeit beschäftigen – unterschiedlicher hätten sie nicht sein können. In Hamburg fand vom 11.-13. März 2016 die kleine aber feine Cowork2016 statt – ein Treffen der deutschsprachigen Coworking-Szene, das von der German Coworking Federation e.V. (GCF) organisiert wurde. In letzterer kann man auch Mitglied werden, zum Beispiel hier. Am 15. März 2016 folgte sodann die Halbzeitkonferenz Arbeiten 4.0 des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) inklusive Eröffnungsrede der Ministerin und entsprechendem Bohai. Die Anzugdichte war hier um tausend Prozent höher als bei ersterer Veranstaltung. Essen war bei beiden toll und leider viel zu viel. Nachhaltigkeit und Konferenzen schließen sich anscheinend noch viel zu oft aus, was ich immer sehr schade finde. Hier nun in aller Kürze meine Impressionen:

Cowork2016 in Hamburg im sHHared und Werkheim

Nach der Gründung der GCF im letzten Jahr ist die Anzahl der Coworking Spaces auch in Deutschland weiter gestiegen. Viele bestehende Spaces expandieren – entweder mit neuen größeren Räumen oder gleich komplett neuen Spaces. Die sogenannte Coworking-Kette WeWork steigert seinen Wert auf 16 Milliarden US-Dollar und eröffnet zur Zeit gerade drei Spaces in Berlin. Viele der ProtagonistInnen der Szene waren sich auf der Cowork2016 einig: So richtig Coworking ist das nicht mehr. Tobias, Coworking Manager vom St. Oberholz, betont in seinem Resümee zur Konferenz den Aspekt der Offenheit, den „unser“ Coworking im Sinne einer Gemeinschaftsbildung hier ganz klar abgrenzt.

Mit der Kennzeichnung #Cowork2016 werden sich in den nächsten Tagen und Wochen weitere Impressionen der spannenden Tage in Hamburg den Weg in den virtuellen Raum bahnen. Desweiteren sei noch anzumerken, dass die Konferenz m.E. Coworking (und auch Co-Living) in einem Mikrokosmos darstellt: Die Barcamp-Methode regt zu echten Begegnungen auf Augenhöhe an und jedeR kann sich einbringen, frei nach dem Motto es gibt keine ZuschauerInnen – nur Teilnehmende. Hier findet ihr den Sessionplan. In diesem Sinne: Wer mag kann die Cowork2017 (und auch die sonstige Verbandsarbeit) mitgestalten: zur German Coworking Federation.

#arbeitenviernull – Halbzeitkonferenz in Berlin im Kosmos

Dementsprechend politischer (und hochkarätiger besetzt) ging es danach bei der Halbzeitkonferenz des Dialogprozesses vom BMAS zu. Arbeit wurde hier in erster Linie im engeren Sinne zu großen Teilen als Erwerbsarbeit gedacht, noch enger vorrangig mit Bezug auf abhängig Beschäftigte. In vier verschiedenen Panels ging es um diverse Aspekte der sich im Wandel befindenden Arbeitswelt der Zukunft. Ein erster Themenüberblick findet sich in der Einladung.

Meine Agenda beinhaltete neben Themen zum mobilen und entgrenzten Arbeiten, vor allem neuere Aspekte in der schönen neuen Welt des Crowdworkings. Dazu beschäftigt sich die Europa-Universität Viadrina zurzeit in einem interdisziplinären Forschungsprojekt mit der Situation der Crowdworker. In diesem arbeitsrechtlich bislang wenig reglementierten Bereich ergeben sich sowohl Möglichkeiten als auch Risiken für die Reorganisation der Arbeit – irgendwo zwischen Ausbeutung und Freiheit. So war es nicht verwunderlich, dass es bislang wenig konkrete Studien und belastbare Daten zur Situation der auf den diversen Plattformen Aktiven gibt und hier eine klare Forschungslücke bemängelt wurde. Wir sind dran.

Eine spannende Studie, die im Rahmen der Konferenz medienwirksam vorgestellt wurde ist „Wertewelten Arbeiten 4.0“. Hier wurden 1.200 Personen zu ihren Einstellungen zur (Erwerbs-)Arbeit im Zeitverlauf umfangreich befragt. Interessant war die Verortung der ProbandInnen in den sieben entwickelten Wertewelten, die vor allem auf ihren Idealvorstellungen beruhten. Die Präsentation der nextpractice GmbH skizzierte ein recht positives Bild der Zukunft (grün), jedoch für den heutigen Standpunkt eher negative Aussagen der unterschiedlichen Gruppen. Mit einem Test kann sich jedeR selbst mal einordnen: Zum Test auf arbeitenviernull.de.

Arbeit kann nur gemeinsam gedacht werden

Beiden Konferenzen gemein war, dass sich unglaublich wenig mit dem aktuell sehr sichtbaren Thema der vielen Menschen, die nach Europa kommen oder es zumindest versuchen, beschäftigt wurde. Die Menschen, die zurzeit aufgrund einer Fluchterfahrung zu uns kommen spielten in keiner der hübschen Studien, anregenden Diskussionen und Kaffeepausen eine Rolle – und wenn oft nur negativ besetzt. Ich denke wie sehr die aufgezeigten idealen Wertewelten an der Realität vorbeigehen werden, wird sich daher nicht erst im anvisierten Jahr 2030 zeigen. Zuletzt kommt daher also ein Werbeblock: Am 30. April 2016 treffen sich Engagierte und Projektemacher beim openTransfer CAMPRefugees in München. Die Stiftung Bürgermut organsiert das zweite Barcamp dieser Art und will zu mehr Projekttransfer in diesem gesellschaftlich wichtigen Bereich beitragen. Hier findet ihr mehr Informationen: Link zum Event

Diskussion bei der Cowork2016

Foto: CC BY 4.0 Mirko Lux (Mehr Impressionen der #Cowork2016 findet ihr hier)

Crowdworker gesucht!

An mich ist eine Bitte herangetragen worden. Im Rahmen eines Forschungsprojektes an der Europa-Universität Viadrina beginnt nun ein Untersuchung zu Crowdworkern (oder Clickworkern). Dazu soll nicht nur über sie geredet werden, sondern auch mit Personen, die auf diese Art ihren Lebensunterhalt (anteilig) bestreiten. Mehr dazu könnt ihr zum Beispiel hier lesen.

Prof. Dr. Anna Schwarz, mit der ich zusammenarbeite, sucht in einem ersten Schritt solche Personen und möchte sich mit ihnen unterhalten (in Berlin oder gerne auch telefonisch) – natürlich vertraulich. Meldet euch bitte auch wenn ihr Kontakte vermitteln könnt, direkt bei ihr: aschwarz@europa-uni.de oder über das untenstehende Formular bei mir. Das wäre eine große Hilfe für die erste spannende Phase unseres Projekts.2015-01-10 10.57.30

 

Best of Coworking 2013

Meine Coworking-Höhepunkte in diesem Jahr in einer kurzen (Handy-) fotografischen Übersicht

Wer noch nicht weiß, was Coworking ist, kann das hier nachlesen und hier angucken. Irgendwann könnt ihr dazu sicher auch ein Buch von mir lesen. Ich bin dran.

Alte Kantine Wedding Johanna Voll Teatris

Coworking Space: Alte Kantine im Wedding

Coworking Europe 2013 Johanna Voll

Jahreshighlight: Coworking Europe 2013 – die europäische Coworking Konferenz

Die drei Tage im November waren ein wunderbarer Lichtblick in dem schon sehr tristen Winter Berlins. Ich habe viele Menschen aus der internationalen Coworking-Szene (wieder-) getroffen, tolle Kontakte geknüpft und eigene Projekte angeschoben. Das absolute Highlight waren die verschiedenen Coworcation-Ideen (Coworking + Vacation = Coworcation). Guckt’s euch mal an, zum Beispiel beim Surf Office oder Mutinerie Village (die ein sehr schönes Video zu ihrem neuesten Projekt erstellt haben).

Garden barcelona Coworking Johanna Voll

Coworking Space: Garden in Barcelona

Barcelona Garden Johanna Voll

Coworking Space: Garden in Barcelona

Coworking Barcelona Johanna Voll Werkbank

Coworking Space: Garden in Barcelona

Coworking Barcelona Johanna Voll Schrauben

Schöne DIY-Idee in einem Coworking Space in Barcelona

BenutzerInnen Info coworking Space Barcela Johanna Voll

Member Wall in Barcelona

Coworking Barcelona Johanna Voll

Und überall IKEA…

Fahrräder Barcelona Johanna Voll

In den meisten Coworking Spaces in Barcelona gab es eine kreative bis verrückte Art die Fahrräder im Inneren des Spaces abzustellen, bzw. anzuhängen.

Das Coworking-Modell als Internationaler Projekttransfer in der Netzwerkgesellschaft

Morgens geht’s mit dem Carsharing-Auto zum Flughafen – gebucht über die App auf dem Smartphone. Die Konferenz in Bulgariens Hauptstadt wäre sicher auch via Livestream spannend gewesen, aber so teuer ist das Zimmer bei Milena nicht – gebucht über die entsprechende App. Am nächsten Tag bleibt noch etwas Zeit für einen Kaffee im Betahaus Sofia: Mails checken, die Präsentationen mit der Creative Commons-Lizenz hochladen, den passenden Blogbeitrag schreiben, vielleicht noch den Wikipedia-Artikel zum Thema kurz überarbeiten?

Wir leben in einer Netzwerkgesellschaft. Kollaborativer Konsum und Soziale Medien gehen Hand in Hand. Wir produzieren und konsumieren gleichermaßen. Wir teilen vielleicht nicht alles, aber vieles: Statusmeldungen, Wissen und letztendlich immer öfter den Arbeitsplatz – in sogenannten Coworking Spaces.

Dort kann jede und jeder einen temporären Arbeitsplatz auf Tages-, Wochen- oder Monatsbasis mieten. Die Infrastruktur wird von den Be­treiberInnen des jeweiligen Coworking Spaces gestellt. Die­se variiert in Ausstattung und Preis. Auch die Intentionen und Vorstellungen zur Zu­sammenarbeit variieren stark. Der Grad der Vergemeinschaftung und das Ausmaß der virtuellen und realen Vernetzung der Mitglieder ist unterschiedlich ausgeprägt, aber immer ein elementarer Bestandteil der Coworking-Bewegung. Nach neuesten Erkenntnissen von Deskmag, dem Online-Magazin rund um Coworking und seine Räume, öffnete im Juli der 3000. Coworking Space seine Türen (im März 2012 waren es noch 1700). Die Branche boomt.

Es gibt unheimlich viele verschiedene Varianten der Umsetzung des Coworking-Modells. Die globale Coworking Landschaft ist ausdifferenziert und reicht von kleinen individuellen (Atelier-) Räumen mit angegliederten Cafés bis hin zu großen professionellen Bürokomplexen. Viele Coworking Spaces sind branchenorientiert, teilen aber alle gemeinsame Wertevorstellungen: Zusammenarbeit, Offenheit, Gemeinschaft, Zugang und Nachhaltigkeit (Collaboration, Openness, Community, Accessibility, and Sustainability. Quelle: coworking.com).

Von Anfang an mit dabei waren das Gründer-Team des Betahauses Berlin und die vielen Köpfe, die sich hinter der HUB-Bewegung verbergen. Beide sind bis heute stetig gewachsen, mit Höhen und Tiefen, und stellen spannende Beispiele für den internationalen Projekttransfer dar.

Betahaus: Erst ein, dann zwei, dann fünf, jetzt vier

Das erste Betahaus öffnete 2009 am Berliner Moritzplatz seine Türen zu 2000qm Arbeitsraum auf mehreren Etagen als eine GmbH & CO. KG. Neben flexiblen gibt es auch feste Arbeitsplätze sowie kleine Office-Bereiche für Teams oder größere Besprechungsräume. Dort finden Freiberufler und Angestellte externer Firmen genauso ein Zuhause wie einige von Berlins aufstrebenden Startups. Für größere Veranstaltungen gibt es ebenfalls Platz. Ein Herzstück des Betahauses ist das Café im Erdgeschoss, wo auch nicht-Mitglieder in den Genuss der kreativen Arbeitsatmosphäre kommen können. Die Community tauscht sich in eigenen Workshops, Vorträgen und verschiedenen Veranstaltungsformaten aus. Ein besonderes Extra in Berlin: Die Open Design City, ein Werkstattbereich, der nicht nur Designerherzen höher schlagen lässt.

Neben Berlin gibt es weitere Ableger in Köln und Hamburg. Darüber hinaus gibt es Filialen in Sofia und Barcelona. Der Transfer funktioniert hier über gemeinsame Werte und Vorstellungen vom gemeinsamen Arbeiten. Während in der Coworking Space in Barcelona gerade erst eröffnet wurde, haben die Teams in Köln und Hamburg mit ganz anderen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Kölner Betahaus schließt im April

Im Frühjahr 2013 konnte in Köln die Insolvenz der betahaus Köln GmbH & CO. KG nicht mehr abgewendet werden. Die Sanierungsmaßnahmen im Zuge des Insolvenzverfahrens scheiterten gleichermaßen wie die Suche nach einem neuen Objekt. Nach eigenen Angaben war das Modell nicht rentabel, das Team ausgelaugt und es gab Probleme mit dem Vermieter. Rettungsaktionen der Community scheiterten, zeigten aber einen starken Zusammenhalt.

Hamburg vorerst gerettet

Auch das Betahaus Hamburg musste Mitte diesen Jahres Insolvenz anmelden, konnte aber seine Türe vorerst für die CoworkerInnen offen halten. Als Grund wird immer wieder die Konkurrenzsituation angegeben. Im Rahmen dieser vorläufigen Insolvenz wurde die hub23 coworking UG gegründet. Gemeinsam mit neuen InvestorInnen und neuen Strukturen bleibt das Betahaus Hamburg vorerst am alten Standort erhalten, plant aber einen Umzug im nächsten Jahr. Mit einer neuen Tarifstruktur soll ein größeres Augenmerk auf Events und langfristige Mitgliedschaften gelegt werden. Auch hier wurde klar, dass hinter dem Coworking Space eine starke Community steht, die sich in einem offenen Brief an die Insolvenzverwalter wandten.

Impact-Hubs: Gelungener Transfer mit Standortabhängigkeit

Auch bei der Hub-Bewegung gibt es Höhe und Tiefen. Mittlerweile gibt es über 40 Hubs auf fünf Kontinenten. Weitere stehen in den Startlöchern. Dabei funktioniert das Social Franchise über die internationale Marke als Dach aller Hubs weltweit: die Impact HUB GmbH mit Sitz in Wien. Um ein eigenes Hub zu eröffnen unterliegen die potenziellen GründerInnen der einzelnen Filialen Regeln und jährlichen Gebühren, die je nach Standort variieren. Dafür haben sie aber vollen Zugang zur “Basisstation” inklusive Beratung und Corporate Design.

Das erste Hub wurde 2005 in London gegründet. Dort gibt es nun schon drei Filialen. Dabei sind alle einzelnen Hubs eigene Firmen. Im Zuge der #HelloImpact-Kampagne werden alle “alten” Hubs zu sogenannten Impact Hubs. Die Hauptzielgruppe bleiben weiterhin SozialunternehmerInnen, die mit ihren Ideen die Welt ein bisschen besser machen wollen.

In Deutschland gibt es momentan zwei Impact Hubs. Nachdem ein erster Anlauf in Berlin scheiterte, befindet sich das neue GründerInnenteam noch in der Startphase. Mitglieder werden trotzdem schon geworben. Das Hub München hingegen ist schon gut besucht. Hier soll ein Zentrum für soziale Innovation und gemeinwohlorientiertes Wirtschaften entstehen. Arbeitsplätze und Räume für Events aller Art stehen den Mitgliedern seit Februar 2013 zur Verfügung.

Das Modell Coworking ist im Zuge der Reorganisation von Arbeit in der Wissens- und Netzwerkgesellschaft nicht mehr wegzudenken. Dabei gibt es nicht nur Erfolgsgeschichten – wie in allen innovativen Bereichen. Die nächsten Jahre werden zeigen ob Coworking mehr als nur eine Antwort auf die Wirtschaftskrise ist und die unterschiedlichen Modelle nebeneinander koexistieren können. Eins ist schon jetzt klar: Viele der Start-Ups, die uns die Möglichkeiten zu kollaborativer Arbeit und Konsum bieten, haben ihren Ursprung in Coworking Spaces.

Coworking leipzig Johanna Voll

Leipziger Coworking Space Rockzipfel

Dieser Beitrag erschien auch auf www.opentransfer.de.

© 2017 Herzblutfaktor

Theme by Anders NorenUp ↑